Klinik für Pferde
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

West Nil Infektionen

04.07.2019

West Nil Virus – Infektionen – jetzt leider doch in Deutschland angekommen

Lutz S. Goehring1, Anna May1, Carolina Duran1, Asisa Volz2
1- Klinik für Pferde – Abteilung Innere Medizin und Reproduktion, Tierärztliche Fakultät der
LMU München
2- Institut für Mikrobiologie – Abteilung Virologie, Tierärztliche Fakultät der LMU München

Einleitung und Problemstellung
Im Spätsommer/Herbst 2018 wurde das West Nil Virus (WNV) bereits bei 2 Pferden in Sachsen und Sachsen-Anhalt nachgewiesen. Beide Pferde zeigten die für das WNV typischen Symptome einer Entzündungsreaktion im Gehirn, welche nach Infektion mit diesem Virus entstehen kann. Infektionen mit Gehirnbeteiligung können bei Pferd, Mensch sowie beim Alpaka gesehen werden. Das Virus vermehrt sich in Vögeln und wird durch Stechmücken, die gleichermaßen Säugetiere und Vögel stechen, übertragen.
Das WNV ist seit mehreren Jahrzehnten in Ländern rundum das Mittelmeer bekannt. So richtig bekannt aber wurde es nach seinem plötzlichen Auftauchen in den USA im Herbst des Jahres 1999. Der gesamte nordamerikanische Kontinent (USA und Kanada mit Ausnahme der nördlichen Provinzen von Kanada und dem US Bundesstaat Alaska) gilt als durchseucht und endemisch. Endemisch bedeutet das Virus hat sich dort gefestigt. In Nordamerika ist WNV jedes Jahr verantwortlich für mehrere hunderte (dokumentierte) Infektionen mit Gehirnbeteiligung bei Mensch und Tier. Da für das Pferd sehr gute Impfstoffe zur Verfügung stehen und eine relativ hohe Impfdecke besteht (viele Pferde werden regelmäßig geimpft), würde diese Zahl ohne Impfungen sicherlich weitaus höher ausfallen.
Seit 2016 wurden einige Fälle von WNV-Erkrankungen in Pferden bereits auf dem Balkan und in Österreich bekannt. In 2018, wahrscheinlich auch durch den trockenen Sommer mit verursacht, wurde bisher die höchste Zahl an Erkrankungen in Europa seit der Jahrtausendwende gezählt. Im Herbst 2018 wurde bei mehreren verendeten Eulen in Bayern, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Mecklenburg-Vorpommern das WNV nachgewiesen. Ebenfalls wurde eine WNV-Infektion in 2 Pferden nachgewiesen. Bei der Sektion einer Eule (Gewebeuntersuchung nach der Todesursache) hat sich der untersuchende Pathologe sehr wahrscheinlich angesteckt und litt mehrere Tage an einem Fieber, Apathie sowie Kopfschmerzen. Zudem konnten Antikörper gegen WNV in dieser Person nachgewiesen werden.

 

Das West Nil Virus ist also nördlich der Alpen angekommen.


Vögel sind der eigentliche Zielwirt des WNV. In Vögeln vermehrt sich das Virus und wird auf andere Vögel/Vogelarten durch blutsaugende Stechmücken übertragen. In diesen Krankheitsüberträgern kann das WNV auch überwintern. Im Allgemeinen können Stechmücken in Vogel- und Säugetier-liebend unterschieden werden. Daneben gibt es allerdings Gattungen, sogenannte Omnivoren, die ‚sowohl –als auch‘, stechen. Durch diese Omnivoren kommt das WNV in Säugetiere. In Säugetieren jedoch kann sich das Virus nicht so gut vermehren. DADURCH WIRD DER INFIZIERTE MENSCH/ DAS INFIZIERTE PFERD NICHT ZUR QUELLE EINER NEUINFEKTION für das nächste Pferd/den nächsten Menschen.
Die meisten Infektionen werden im Sommer und Herbst übertragen. Dies hängt mit der vermehrten Mückenaktivität zu diesen Jahreszeiten zusammen.

Erkrankung beim Pferd
Viele Infektionen verlaufen ohne sichtbares Krankheitsbild, verlaufen also asymptomatisch. Nur einige wenige Pferde werden das klinische Bild einer Gehirninfektion/Gehirnentzündung (Enzephalitis) entwickeln. Diese Form der Erkrankung zeigt sich durch Verhaltensänderungen (Schreckhaftigkeit), Hyperaesthesien (das Pferd ist irritiert durch Anfassen von Kopf und Hals, evt. Rumpf), Muskelzittern von Kopf- und Halsmuskulatur, Ganganomalien neurologischer Art (Ataxien und Lähmungen).
Diagnostik
Die Veränderungen im Routine-Blutbild sind nicht spezifisch. Wie bei vielen akuten Erkrankungen ist der Entzündungsparameter Serum-Amyloid A (SAA) erhöht. Die Leukozytenzahlen können erhöht sein oder im niedrigen Bereich liegen. Spezifische Antikörper sind bereits bei ersten klinischen Symptomen erhöht. Diese können in den verschiedenen Landesuntersuchungsanstalten nachgewiesen werden. Die Landesämter für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) eines jeweiligen Bundeslandes sind die ersten Anlaufstationen für diese Diagnostik.
In der Zerebrospinalflüssigkeit (Liquor) ist die Zahl der Leukozyten sowie das Gesamteiweiss erhöht, und auch hier können spezifische Antikörper nachgewiesen werden. Auch kann eine Untersuchung des Liquors mittels PCR erfolgreich sein. Die Liquoruntersuchung ist wichtig um andere Erkrankungen mit ähnlichem Erscheinungsbild unterscheiden zu können.
Behandlung
Es bestehen keine spezifischen Behandlungsmöglichkeiten. Es wird in der Regel entzündungshemmend und unterstützend behandelt. Das letztere beinhaltet eine ruhige Umgebung, Aufstallung, evt. gepolsterte Wände.
Andere Erkrankungen mit ähnlichem Erscheinungsbild sind:

i) Infektion mit dem Borna Disease Virus (häufig im Grossraum München, Nürnberg
im Vergleich zu anderen Regionen im Bundesgebiet, jahreszeitliche Häufung April
bis Juni)
ii) gravierende Lebererkrankungen (ganzjährig, auszuschließen durch
Blutuntersuchungen auf Leberwerte und Ammoniak)
iii) andere Erkrankungen des Gehirns (Cholesteatom, Tumor, andere Infektionen).Vorbeugen

 

Für Pferde gibt es 3 sehr gute Impfstoffe. Alle 3 sind sehr effektiv und sehr gut verträglich. Nach Impfung (Erstimpfung und dann Zweitimpfung innerhalb 4 – 6 Wochen) besteht ein sehr guter Einzelschutz. Wir brauchen also keine Bestandsimpfung um im Einzeltier Wirkung zu zeigen. Da wir bei WNV- Infektionen mit deutlichen jahreszeitlichen Schwankungen zu tun haben, Hauptlast der Infektionen im Sommer und Frühherbst, empfiehlt sich die Impfung im Frühjahr!
Mehrere Mitarbeiter der Klinik für Pferde der LMU München haben in den USA/Kanada gearbeitet und sind vertraut mit dieser dramatischen Erkrankung. Diese Mitarbeiter sind allerdings auch vertraut mit den Vorteilen der Impfung. Wir empfehlen deshalb ausdrücklich die Impfung gegen das WNV im kommenden Frühjahr.
Vergessen Sie bitte nicht die ‚anderen‘ Kernimpfungen Tetanus, Influenza (Grippevirus) und EHV-1 (Herpesvirus Infektion).

Weitere Informationen:
1. Informationen des Friedrich-Loeffler-Instituts, Greifswald – Insel Riems:
www.openagrar.de/servlets/MCRFileNodeServlet/openagrar_derivate_00015958/Steckbrief
_WN V-2018-08-31.pdf
2. Ständige Impfkommission Veterinärmedizin: www.fli.de/de/kommissionen/stiko-
vet/mitteilungen/
3. Delcambre and Long (2014). Flavivirus Encephalitides (Chapter 21, 217 - 225) in: Sellon and Long (eds) Equine Infectious Diseases (2nd ed.). Saunders Elsevier, St. Louis, MO.

Klinik für Pferde der LMU München Dezember 2018